Zwischen Abend und Nacht

Unter dem letzten Aufglühen der Sonne setzt der Flieger auf der Landebahn auf.
Furchtsam fast verlasse ich die Maschine. Ich bin zurück.
Zu Hause.
Dabei hat man mir immer erzählt, Heimat - das ist das Land, in dem man geboren wird.
Wieder einmal kann ich euch alle Lügen strafen. Zu Hause, das ist, wo man sein Herz begraben hat.
Und nun, nach zwei Jahren, lasst es mich wiederfinden.

Während ich durch die menschenüberströmte Wartehalle gehe, versinke ich tiefer und tiefer in Gedanken.
Warum habe ich damals das Haus nicht verkauft? Wahrscheinlich wusste etwas in mir, dass ich nur eine Wahl hatte - zurückkommen.
Jetzt stehe ich vor den Türen, hinter denen mich das erwartet, was ich Heimat zu nennen gelernt habe. Und ich beginne zu zittern.

Eine Hand fällt schwer auf meine Schulter.
"Mann, die Menschenmassen! Da kriegt man ja Platzangst! Wie konntest du das nur aushalten?"
Ohne die Worte richtig zu verstehen, drehe ich mich zum Sprecher um. Mein Drummer...MEIN Drummer grinst mich an. Ich winke nur ab und gehe weiter. Ist das alles Realität? Ich habe meine eigene Band, während unsere damals zerbrach.
Ich bin gegangen und habe dich nicht einmal gefragt, ob du mitkommen wolltest.
Vielleicht wache ich gleich auf und alles ist schwarz.
Nacht in Kanada.
Nein.
Es ist Abenddämmerung in Japan.
Und ich bin hellwach, wenn auch etwas durcheinander.

Ein Taxi bringt uns zum Hotel. Da - die Straße, auf der wir mit dem Motorrad fuhren. Damals, das klingt, als wären Zeitalter vergangen. Es sind "nur" zwei Jahre.
Wieder eine Stimme. "Was mach ich eigentlich, wenn ich hier was brauche? Dann muss ich dich mitnehmen, oder?" Jemand haut mir in die Seite. Ich knurre.
"Versuchs mal mit Englisch, das geht schon." Kein weiterer Kommentar.
Entnervt registriere ich das Geschnatter der Bandmitglieder. Insane. Nein, nicht Insane. Some Infinity. Meine Band. Die Musik, die du nicht kennst.
Von der ich will, dass du sie hörst. Warum sonst wäre ich sonst hier, hätte diese Menschen hierher geschleppt aus einem fremden Land, das sich einst mein Heimatland nannte?
Nur die Musik.
?
Oder...

Hinter der Tür die heilige Stille des Hotelzimmers.
Seufzend lasse ich meine Tasche fallen. Hier war es. Genau hier. Meine Hand streicht über das Holz des Bettes.
Sollen sie mich doch exzentrisch nennen, weil ich genau dieses Zimmer wollte. Aber es ist unser Zimmer und ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass jemand außer uns beiden in diesem Bett schläft.
In meiner Tasche wildes Durcheinander. Mit dem Fuß schiebe ich sie beiseite und sinke aufs Laken.
Die Erinnerungen toben.
Morgen sehen wir weiter.

Der nächste Tag bringt ein frühes Erwachen. Noch in den Krallen des Jet-Lags angele ich fluchend nach meinem Handy.
"Moshi-moshi…Ryo?" Eine altvertraute Stimme.
Alles klar, sagt er. Der Termin steht. Auf alte Freunde und alte Manager ist wohl doch noch Verlass.
Was aber ist mit dir?
"Tut mir leid D., ich hab ihn aus den Augen verloren." "WAAAAAAS?" Fast wie in alten Zeiten - ich beherrsche mich und lege das Handy neben mich aufs Kopfkissen. Nein, ihn anzubrüllen bringt auch nichts.
Jetzt heißt es erst einmal, zurückzufahren. Dorthin, wo wir beide ein paar Stunden lang dem Wahnsinn der Welt entfliehen konnten.

Vor der Haustür ein letztes Zögern. "Attacke!"
Als ich in der kühlen Halle stehe, weiß ich: Ich bleibe. Wenn das alles hier vorbei ist, dann gehe ich nie mehr weg von hier. Auch wenn es das Ende der Band bedeutet - ich habe schon viele vorher untergehen sehen und dieses wird wahrscheinlich nicht das letzte Mal sein.
Hier bleiben. Und was dann? Denk später nach.
Gedankenverloren öffne ich Türen, werfe einen Blick ins alte Studio.
Hier muss einiges passieren, aber im Grunde könnte ich...
Der letzte Würfel zittert und liegt still. Ja, ich bleibe. Und ich werde dich finden - lebendig oder...
Nicht daran denken, nicht. Er lebt. Du lebst.
"Bis später", sage ich über die Schulter, ehe die Haustür hinter mir zufällt. Ich hätte schwören können, du würdest aus dem Halbdunkel lächeln.

In der Stadt das geschäftige Treiben wie eh und je. Mühsam bahnt sich mein Jeep seinen Weg durch die Straßen.
"Wie, du machst die Tour und dann Ende?" Verblüfft lässt mein Gitarrist den Kaffeebecher sinken. ‚Herzlichen Dank, dass du nicht auf die Polster gespuckt hast', denke ich und nicke mit düsterer Miene.
"Ja, ich habe hier etwas verloren, dass ich wiederfinden will. Und ob ich es heute finde, morgen oder vielleicht nie mehr - ich werde dieses Land nicht mehr verlassen."
Die "Geistertheke" erhebt sich immer noch in ihrer dunklen Masse zwischen den Läden ringsum.
Die Einrichtung ist neu. Aber die Erinnerungen, die Atmosphäre sind noch die selben. Der Besitzer kommt auf mich zu. Er versucht sich in mangelhaftem Englisch. Phrasen.
Ich antworte in deiner Sprache und sehe sein Gesicht blass werden.
Ich bin kein Ausländer.
Ich gehöre hierher.
Er wirkt plötzlich hilflos, erkennt mich dann und nickt. Insane. Ja, das war damals. Aber was ist heute? Mit verschränkten Armen mustere ich die Bühne. "Etwas anderes."

Gleich ist es geschafft. Mit gemeinsamer Kraft ist auch das letzte Gepäckstück an seinem Platz. Equipment ist schwer. Nicht so schwer, wie meine Gedanken, aber immerhin.
Alle zusammen bauen wir auf, dann der Soundcheck. "Noch drei Stunden, Leute!" Ich gebe letzte Anweisungen.
"Kennst du `n gutes Restaurant hier in der Nähe?" Na bloß gut, dass wenigstens einer hier Bescheid weiß!
Jemand kommt auf mich zu. Ryo. Er fällt mir um den Hals. "So was bringst nur du fertig."
Meine Frage nach den anderen Bandmitgliedern beantwortet er nur ausweichend. Sie haben sich in alle Winde zerstreut. Mir brennt es unter den Nägeln, aber ich weiß, er kann mir nicht sagen, wo ich dich finde. Das muss ich selbst tun.
"Komm, lass uns was trinken gehen. Es gibt viel zu erzählen."

Das Halbdunkel der kleinen Bar verwischt die Gesichtszüge der anderen. Überall deine Augen, dein Lächeln und doch - sind sie es nicht. Eine ungeheure Anstrengung, mich auf Ryo zu konzentrieren. "Und ich dachte, du machst Witze, als du anriefst und fragtest, ob ich dich hier wieder managen will."
"Nein, keine Witze." Ich schüttele den Kopf und bestelle mir einen Whiskey. Sollte ich nicht tun, aber ich kann nicht anders. Dieses Warten auf nichts macht mich wahnsinnig.
"Sorry, was?" Ich drehe mich zu Ryo und blicke ihn an. Nur seine Hand auf meinem Arm hat mich aus den Gedanken gerissen.
"Ich fragte, warum du wirklich gegangen bist."
Ich weiß es nicht.
Entschlossen drücke ich ihm die Autoschlüssel in die Hand. "Pass aufs Auto auf." Dann bin ich verschwunden.

Auch in der Garderobe nichts anderes. Hier hast du gesessen, als ich hereinkam. Genau an dieser Stelle, an der ich jetzt stehe. Mit dieser Frau auf dem Schoß und blankem Entsetzen im Gesicht sehe ich dich wieder und wieder vor mir.
Genug! Das reicht.
Entnervt gehe ich zur Bühne, stimme zum hundertsten Mal meine Instrumente und drehe mich um. Raus hier. Ich halte es nicht aus.

Die Hintertür fällt mit einem leisen Klicken ins Schloss. Gegenüber steht mein Jeep, dahinter ein Plakat. Mein Konzert. Gleich neben der Tür alte Kartons. Ein Kleiderbündel.
Nein.
Ein Mensch.
Ich trete näher und blicke auf einen alten Mantel, strähnige Haare. Unbekannt. Vertraut.
Er hebt den Kopf. "Duncan?"
"Koichi."
Ich habe...nein, du hast mich gefunden.